Familie

Was an einem Tag alles schief gehen kann

Was an einem Tag alles schief gehen kann

Was war das bitte für ein Tag? Allein über diesen Tag könnte ich schon ein Buch schreiben. Oh Mann! Aber fangen wir mal von vorn an.

Gestern abend hatte uns ja der AirBNB Mann super kurzfristig abgesagt und wir hatten spät abends noch versucht, ein Cottage in England zu buchen. Es schien auch geklappt zu haben, zumindest kam eine Bestätigungsmail. Ab dem Aufenthalt auf der Fähre hatten wir keinen Empfang mehr, weder telefonisch noch Internet. Also blieb nur hoffen.

Meine letzte Fährüberfahrt ist ungefähr 23 Jahre her (ich war 11), für Philip ist es sogar die erste. Ich erinnere mich bruchstückhaft an die engen Kojenbetten – in dem ich damals natürlich nicht allein, sondern mit meinem Papa schlafen wollte. Zu gruselig war mir das damals mit dem Geschaukel. Diesmal war es meine Tochter, die nicht allein im Bett liegen wollte – und so musste ich mich mit reinquetschen und konnte mich nicht bewegen. Aber mir war sowieso mega übel und ich konnte nicht schlafen. Außerdem war da ja noch das Gedankenkarussel. Werden wir morgen eine Unterkunft haben? Wie bekommen wir das Finanzielle geregelt (siehe gestriger Beitrag)? Fragen über Fragen. Als ich dann irgendwann schlief, wachte Nilsi auf und hatte Durst. Also Flasche geben, wieder hinlegen. Wieder wachliegen. Das Spiel ging dann noch drei mal so weiter.

Ich hatte nicht erwartet, dass so eine Fähre tatsächlich die ganze Zeit schaukelt und quietscht und ruckelt und knarzt. Aber nicht langsam und gemächlich wie in einer Wiege, sondern irgendwie wild und ungestüm. Wie ein riesiges schweres Monster, dass sich seinen Weg durchs schwarze Wasser pflügt.

Wir wachen total gerädert und viel zu früh auf. Immernoch kein Internet oder Handyempfang. Wir laufen ein bisschen durchs Schiff und schauen uns die vielen überteuerten Attraktionen an. Dann bekommen wir Hunger. Unser Proviant ist komplett aufgebraucht. Im Shop auf der Fähre gibt es natürlich nichts zu essen, damit wir ins teure Restaurant gehen müssen. Wir gehen alle möglichen Optionen durch, und da Verhungern nicht in Frage kommt, entschließen wir uns dann für das Frühstücksbuffet in der Schmuggelvariante. Nele und ich bezahlen Einritt fürs Buffet (schlappe 24 Euro für einen Erwachsenen und eine Fünfjährige) und checken die Lage. Das Angebot ist mickrig. Ich nehme diverse Äpfel und Brötchen mit, lasse sie beim Meloneessen versehentlich in meine Tasche gleiten und dann verschwinden wir zu den anderen Hungrigen in die Kabine. Der ganz kleine Hungrige ist mittlerweile satt und zufrieden und schläft. Also müssen wir leise sein und auf engen Gang vor der Tür campieren. Der große Hungrige kommt dazu und wir krümeln alles voll. Lecker!

Endlich sind wir da! Jetzt erobern wir England! Oder so ähnlich. Ich habe immernoch keinen Handyempfang und werde langsam unruhig. Was ist nun mit unserer Buchung? Warum geht mein Internet nicht? Ich flippe bald aus. Nach endlosen Stunden des Wuselns können wir endlich die Fähre verlassen und fahren erstmal ins Stadtzentrum von Newcastle. Ja, mit Linksverkehr! Ja, in einer Großstadt! Das hätte als Abenteuer des Tages eigentlich schon ausgereicht.

Aber auch in der Großstadt schweigt mein Handy still. Kein Empfang, kein Internet. Wir suchen die Touristeninformation und finden sie nicht. Ein freundlicher Polizist hilft uns weiter und schickt uns zur Uferpromenade. Hier sind zufällig genau heute tausende Menschen versammelt und laufen Marathon. Is klar! Wir kommen kaum durch und sind alle vier ziemlich überfordert vom Lärm und den Menschenmassen. Eine Touristeninformation ist hier nirgendwo. Wir zwängen uns in ein überfülltes Cafe mit Wi-Fi. Ich google, warum ich auf meinem iPhone weder Empfang noch Internet habe. Aha, neustarten soll helfen. Gemacht, getan – große Freude: Ich habe wieder ein Telefon! Wir checken Emails.

Natürlich hat die Buchung von gestern nicht geklappt. Wir haben also keine Unterkunft für die nächsten zehn Tage. Philip sucht in Windeseile was neues Überteuertes heraus. Ich rufe dort an. Ewiges hin und her, tüdellü, ja, die Buchung geht klar. Kostet doppelt soviel wie unser (abgesagtes) AirBNB – was für uns schon teuer war. Aber alles andere ist schon ausgebucht. Wir kämpfen uns durch den Marathon-Auflauf zurück zum Auto und fahren ein paar Meter. Krawumm! Ein Asiate fährt rückwärts ohne zu gucken und knallt vorne links gegen unser Auto. Er steigt aus, scheint ziemlich verwirrt. Sein Auto hat eine ziemliche Delle, unseres ist scheinbar unversehrt. Wir entlassen ihn in Frieden und er will weiterfahren. Dabei fährt er fast wieder jemandem rein. Was ist nur los mit ihm? fragen wir uns. Dabei sind wir doch die, die zum ersten Mal im Linksverkehr fahren! Gut, wir fahren also zu den Croftland Cottages. Dauert ewig. Sind müde. Verfahren uns. Plötzlich ertönt ein lautes Knall-Knack-Geräusch und die Scheibe der Fahrertür ist ganz nach unten gerutscht und hängt total schief da drin rum. Was ist das denn jetzt bitte?

Wir müssen uns später darum kümmern, erstmal das Bett für heute Nacht sicherstellen. Am Häuschen angekommen werden wir von einer freundlichen aber verdutzten Dame empfangen. Ob sie uns helfen kann? Was wir denn hier wollen? Ich erzähle ihr von der Buchung, zeige ihr die Email. Nein, das sind andere Croftland Cottages. Nur der Name ist gleich. Das ist jetzt nicht wahr, oder? Wir und die Kinder sind schon völlig durch und dann das. Doch die Dame ist super hilfsbereit. Sie ruft nochmal beim Vermittlungsservice an, organisiert die korrekte Anschrift, bringt uns sogar eine Karte und zeigt uns den Weg. Wir müssen nochmal 40 Minuten fahren.

Also auf zum Endspurt. Mittendrin sehen wir einen sagenhaften leuchtenden Regenbogen. Wow! So helle Farben habe ich bei einem Regenbogen noch nie gesehen. Eine kleine Entschädigung – ok, eine große. Er war wirklich schön.
Wir kommen bei den richtigen Croftland Cottages an. Wieder kommt eine freundliche, aber verdutzt schauende Dame zu uns. Ob sie uns helfen kann? Was wir denn hier wollen? Ich habe ein Deja-Vu und mir schießen die Tränen in die Augen. Sie weiß von unserer Buchung nichts. Denkt wir wären jemand anderes, der aber erst in ein paar Tagen eintreffen würde. Passiert das gerade wirklich? Es ist schon abends. Mir schießen eine Million Gedanken durch den Kopf. Aber die Hausherrin schaut uns an und schließt uns sofort ins Herz. „You stay here, lovelies! You don’t go anywhere.“ Ich glaube man konnte den Stein der mit vom Herzen fiel bis nach Berlin hören. Oh. Mein. Gott. Wir haben es also geschafft, wir haben ein Bett gefunden.

Als wir unsere Sachen ausräumen fällt mir ein, dass die kaputte Autoscheibe womöglich mit dem Auffahrunfall von heute Mittag zu tun hat. Doof, jetzt haben wir keinerlei Daten von dem anderen Fahrer. Und mit der kaputten Scheibe können wir unmöglich mitten in Birmingham zum anstehenden Housesit rumstehen – die klauen uns doch das Auto! Also müssen wir hier in der Pampa irgendwie eine Werkstatt ausfindig machen. Ach, und dann war da ja noch die Sache mit dem Internet. Laut Buchungsseite sollte das Cottage W-LAN haben, aber natürlich stimmt das nicht. Und mein O2-Netz funzt nicht so wirklich. Dabei muss ich doch gerade jetzt dringend arbeiten! Wir müssen weiter auf ein Wunder hoffen.

Veröffentlicht von Julia

Hallo, ich bin Julia! Ich bin 34 Jahre jung, zweifache Mama und seit zehn Monaten mit meiner Familie auf Langzeit-Reise durch Europa - man könnte es auch Selbstfindungstrip nennen. Wir mussten raus aus dem alten Trott und alles mal gut durchmischen. Was brauchen wir noch und was kann weg? Wie wollen wir in Zukunft leben? Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt und jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. → mehr über mich

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