Freies Lernen, Selbstfindung

Gemeinsam frei lernen: Gedanken zum Freilernen und bedürfnisorientierten Leben

Gemeinsam frei lernen: Gedanken zum Freilernen und bedürfnisorientierten Leben

Unsere Wünsche und Vorstellungen davon, wie und wo es für uns weitergehen soll – mit unserer Reise, unserem zukünftigen Lebensmittelpunkt, einem geeigneten Lernort für unsere Kinder – ändert sich momentan fast wöchentlich. Das mag chaotisch erscheinen, spiegelt jedoch für uns einen ganz natürlichen Prozess wieder. Es spielen so viele Faktoren mit hinein, die alle bedacht und priorisiert werden wollen. Zu unserer Familie gehören vier Menschen und jedem von ihnen wollen wir so weit es geht gerecht werden. Wir hören uns um, lesen viel, schauen neue Dokus – und mit jeder neuen Information, sowie unserer persönlichen Entwicklung und entstehenden Bedürfnissen kommen auch neue Gedankengänge.

In unserem Häuschen hier in England ist es wunderschön. Unsere Tage sind sehr entspannt, viel entspannter als sie „im Hamsterrad“ je waren. So entspannt und ruhig, wie wir es immer wollten. Doch das Ankommen im neuen Land fällt nicht allen so leicht. Unserer großen Tochter erscheint die neue Sprache als unüberwindbare Hürde. Nachdem sie am Anfang noch euphorisch überall hin wollte, ist sie momentan lieber zuhause und möchte keine englischen Kinder sehen. Natürlich wollen wir sie auch nicht dazu zwingen. Wir versuchen hier und da kleine Unternehmungen zu machen, die andere Menschen involvieren und lassen alles ruhig angehen. Denn auch wir Großen müssen uns erstmal einleben und die Gedanken ordnen.

Am Liebsten hätten wir hier einen Ort, an dem mehrere deutsche Freilerner-Familien gemeinsam wohnen. Nicht zwingend alle in einem großen Haus, aber z.b. über 2-3 Nachbardörfer verteilt, so dass man sich innerhalb weniger Minuten besuchen kann. Eine (große) Stadt würden wir gern vermeiden, da wir uns auf dem Land einfach wohler fühlen. Natürlich wollen wir auch weiterhin Kontakt zu englischen Familien haben – im besten Falle soll sich das alles von allein durchmischen und zusammenwachsen. Für das Ankommen der Kinder, vor allem unserer großen Tochter wären jedoch deutsche Familien erst mal die einfachere Variante – um sich an das neue Land zu gewöhnen.

Auch Deutschland ist weiterhin im Gespräch. Es gibt dort mittlerweile so viele demokratische Schulen und Gründungsinitiativen, dass wir uns auch die Rückkehr ins Heimatland vorstellen könnten. Im Kontakt sind wir bereits, doch die Lebenskosten in Deutschland schrecken uns ziemlich ab. Das entspannte Leben, was wir hier in England problemlos führen können, wäre in Deutschland vorbei. Hier in England ist die Krankenversicherung kostenfrei. Das spart uns für alle Vier um die 700+ Euro monatlich. Dazu kommt noch, dass hier in England keine Gewerbesteuer gezahlt werden muss und der Steuersatz insgesamt niedriger ist. Außerdem kann ich hier mit einem mittleren Einkommen noch Kleinunternehmerin sein, was mir den ganzen Kladderadatsch mit der Umsatzsteuer erspart. Alles in allem haben wir hier in Großbritannien pro Monat ca. 1200 Euro weniger fixe Ausgaben als in Deutschland! Das bedeutet, dass momentan nur einer von uns arbeiten muss und das auch nicht mal Vollzeit. Diesen Traum hatten wir schon so lange! Wir haben die Möglichkeit, uns ganz auf die Kinder zu konzentrieren und unsere Gedanken schweifen zu lassen – anstatt Stunde um Stunde im Hamsterrad zu hängen und keine freie Minute zu haben. Wenn ich an diese große finanzielle Differenz in den Fixkosten für mich als Selbstständige zwischen beiden Ländern denke, kommt Deutschland eigentlich nicht in Frage. Nicht weil ich nicht gern zur Familie zurück wollen würde. Sondern einfach weil wir hier viel besser nach unserem ganz individuellen bedürfnisorientierten Modell Leben können als dort.

Dann wäre da noch der Brexit. Ganz Großbritannien ist in Aufruhr und uns als Einwanderer verunsichert die Lage natürlich auch. Aus sicherer Quelle wissen wir jedoch, dass bis 2022 erst mal nichts passieren wird. Und auch danach werden wir höchstwahrscheinlich nicht aus dem Land fliegen, da ich hier normal arbeite und Steuern zahle. Also: Erstmal ruhig Blut bewahren.

Wenn man als Familie möglichst frei leben will, eignet sich meiner Meinung nach England bzw. ganz Großbritannien sehr gut. Es gibt (bisher) kein Melderegister. Die Krankenversicherung ist kostenfrei. Die steuerliche Anmeldung ist super einfach und die Steuererklärung kann ganz einfach online gemacht werden. Alle Unterlagen sind super verständlich und schnell ausgefüllt. Dazu kommt das legale Freilernen bzw. Home Education. Im Faltblatt der Schulfrei Bewegung habe ich vor Kurzem die überwältigende Zahl von 100.000 Freilernern allein in UK gelesen. Tendenz steigend. WOW! Ich bin in einigen Home Education Gruppen hier in UK und mindestens wöchentlich kommen dort neue Mitglieder hinzu (wohlgemerkt: Mitglieder, bereits Home Educaters sein müssen, also keine reinen Interessenten). Man wird hier weitestgehend in Ruhe gelassen. Klar sind die Lebenserhaltungskosten immernoch höher als z.b. in Portugal oder vielen anderen Ländern. Aber dass einem hier keinerlei Behörden auf der Nase rumtanzen ist schon enorm erleichernd. Wir haben gehört, dass es ab und zu zu Besuchen des Welfare Office kommen kann, wenn das Kind nicht in der Schule angemeldet bzw. abgemeldet wurde – aber man muss niemanden hineinlassen und kann auf schriftliche Bearbeitung pochen. Das Recht auf Home Education (education otherwise) steht glasklar im Gesetz.

Nicht nur, dass Freilernen hier absolut legal ist. Es machen auch einfach megaviele – wie ich ja schon schrieb – was bedeutet, dass man an jeder Ecke andere Freilerner trifft. Die Familien hier sind super vernetzt und unternehmen megaviel zusammen. Wenn unsere Große sich dann endlich an die englischen Kinder rantraut, können wir vielleicht auch mehr mitmischen :)

Also – England, Deutschland, oder doch ein anderes Land? Wohin wird es uns verschlagen? Momentan ist alles noch offen oder sagen wir es so: wir sind flexibel.

Gestern haben wir den Film „Schools of Trust“ gesehen, den es mittlerweile offiziell über Youtube kostenfrei gibt. Ein Film, der offen und glasklar zeigt, wie Kinder sich optimal entfalten können. Falls ihr den Film noch nicht kennt, schaut ihn euch unbedingt an! Es werden Schulen weltweit vorgestellt und jede Menge Kinder kommen zu Wort, ebenso wie Peter Gray, Andre Stern, Gerald Hüther, diverse Schulgründer und Eltern.

Unser Kopf und unsere Herzen öffnen sich immer mehr. Das ist so schön!

Veröffentlicht von Julia

Hallo, ich bin Julia! Ich bin 34 Jahre jung, zweifache Mama und seit zehn Monaten mit meiner Familie auf Langzeit-Reise durch Europa - man könnte es auch Selbstfindungstrip nennen. Wir mussten raus aus dem alten Trott und alles mal gut durchmischen. Was brauchen wir noch und was kann weg? Wie wollen wir in Zukunft leben? Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt und jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. → mehr über mich

2 Gedanken zu „Gemeinsam frei lernen: Gedanken zum Freilernen und bedürfnisorientierten Leben“

  1. Stephan sagt:

    Hallo Julia,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel. Da waren ganz viele Sachen dabei, die ich noch nicht wusste. Vor allem die günstigeren Lebenshaltungskosten und die freie KV in England kannte ich nicht.
    Wir überlegen auch gerade, wie wir es mit unserem Kind und der Schule handhaben. Aktuell bin ich vom deutschen System nicht allzu begeistert. Kannst du mir evtl. Links zu den deutschen Initiativen schicken, wenn es nicht zu viel Arbeit ist?

    Danke für den Link zum Film, der wird sehr bald geguckt ;-)
    Viele Grüße,
    Stephan

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