Freies Lernen

Film-Tipp: Alphabet – Angst oder Liebe

Film-Tipp: Alphabet – Angst oder Liebe

Der Dokumentarfilm Alphabet – Angst oder Liebe (2013) ist ein Film über unsere heutige Leistungsgesellschaft. Wie verändert es die natürliche Neugier und Kreativität von Kindern, wenn sie Bildungseinrichtungen besuchen? Was geschieht mit jungen Menschen, die zu immer besseren Leistungen angetrieben werden? Warum unterdrücken wir das kindliche Spiel und ersetzen es durch vorgefertigte Antworten und Konkurrenzkampf?

Diesen Fragen geht Regisseur Erwin Wagenhofer in seinem Film „Alphabet“ auf den Grund. Er lässt Lehrer, Schüler, Bildungsexperten, Hirnforscher und Freilerner zu Wort kommen und stellt dabei die riesige Mauer zwischen „Freiheit“ und „Kontrolle“ – oder auch „Liebe“ und „Angst“ deutlich gegenüber. Den Trailer zum Film könnt ihr euch unter www.alphabet-film.com anschauen. Ein Interview mit Regisseur Erwin Wagenhofer sowie weiterführendes Material zum Film gibts unter alphabet-film.com/schulmaterial

Die Kluft zwischen kindlicher Neugier und den vorgefertigten Strukturen des Bildungssystems

Auf der einen Seite steht die kindliche bzw. menschliche Natur, mit ihrem Spieltrieb, der natürlichen Neugier auf die Welt. Arno Stern, anerkannter Pädagoge, Forscher und Erfinder des „Malortes“ in Paris beobachtet seit über 60 Jahren die Veränderung der kindlichen Kreativität durch die Einflüsse des Bildungssystems: „Wenn man die Bilder von kleinen Kindern betrachtet, die einen solchen Reichtum enthalten … wenn sie dann in die Schule gehen hört das plötzlich auf, dann ist es wie abgeschnitten. Dann sind Kinder nicht mehr spontan, sondern sie führen Aufgaben aus, um den Erwachsenen zu befriedigen, der es von ihnen erwartet“, so Stern.

Arno Stern
Arno Stern
Einen Einblick in Arno Sterns wunderbares Werk gibt es zum Beispiel in dieser kurzen Dokumentation. Sterns eigenen Kinder besuchten keine Schule und sind heute erfolgreiche, zufriedene, in sich ruhende Erwachsene. Sein Sohn André Stern ist der wohl bekannteste Freilerner Europas. Er hat sich in Eigenintiative fünf Sprachen, das Gitarrenbauen und -spielen, Komponieren sowie zahlreiche andere Fähigkeiten angeeignet. Auch er kommt in „Alphabet“ zu Wort und berichtet von seinen Erfahrungen. Auch hier möchte ich euch noch ein inspirierendes Video empfehlen, das André Stern zusammen mit seinem Sohn Antonin zeigt.

Auf der anderen Seite der Mauer stehen Bildungsexperten wie Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der PISA-Studien. Seiner Meinung nach ist das chinesische Schulsystem ein voller Erfolg, ein großes Vorbild, an dem sich auch andere Schulen weltweit orientieren sollten – immerhin liegt China auf Platz 1 in sämtlichen PISA-Studien. Doch wie sieht es tatsächlich in den chinesischen Schulen – und noch viel wichtiger – in der Gefühlswelt chinesischer Schüler aus?

Das Bildungsziel der Regierung und der Eltern ist, dass die Kinder Großes erreichen und wichtige Preise gewinnen. Wir wissen schon jetzt, dass diese Art von Prüfungswettbewerb gegen die Natur des Kindes ist. Alle wissen es. Yang Dongping

Yang Dongping, Professor Bildung und Pädagogik in Peking beobachtet die Entwicklungen im chinesischen Schulsystem mit großer Sorge: „In den städtischen Schulen, vor allem in den Eliteschulen, werden Leistungen durch großen Konkurrenzkampf und Prüfungsdruck erzielt. Das Bildungsziel der Regierung und der Eltern ist, dass die Kinder Großes erreichen und wichtige Preise gewinnen. Wir wissen schon jetzt, dass diese Art von Prüfungswettbewerb gegen die Natur des Kindes ist. Alle wissen es. Aber unser Wertesystem strebt nach der Aufstiegsquote und dem Eintritt in die Elite-Unis. Deswegen verfolgen alle dieses ungesunde Phänomen.“

Wagenhofer begleitet in seinem Dokumentarfilm einen jungen Chinesen, der bei seinen Großeltern lebt – die wohl tragischste Figur des gesamten Filmes. Seine Eltern arbeiten weit entfernt, um seine teure Ausbildung finanzieren zu können. Sein Alltag besteht aus Schule, Hausaufgaben, Nachhilfe und Wettbewerben wie z.B. der Mathe-Olympiade. Freizeit hat er nicht. Der Junge wirkt apathisch und unglücklich, niemals huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Immer wenn ich ihn in der Doku sehe, frage ich mich ob er mittlerweile noch lebt oder sich bereits aufgegeben hat. „Man bildet die Schüler nicht zu Menschen aus, die Neugier und Kreativität haben, sondern nur zu Prüfungsmaschinen.“, so Dongping.

Vielleicht denkst du jetzt: Ja, aber das ist China und China ist so weit weg von uns. Hier in Deutschland ist es doch gar nicht so streng. Leider ist das nicht ganz richtig. Auch in Deutschland herrscht enormer Leistungsdruck an den Schulen – vorallem weil wir in den PISA-Studien nicht so gut abgeschnitten haben. Die Hamburger Schülerin Yakamoz Karakurt schrieb 2011 in einem offenen Brief:

„Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums und habe ein Problem: Ich habe kein Leben mehr. Mit Leben meine ich Hobbys, Freizeit und Spaß. Jeder weiß, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heißt, dass da etwas falsch gelaufen sein muss. Ich komme um 16 Uhr aus der Schule und gehe nicht vor 23 Uhr ins Bett. Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spaß habe. Mein Kopf ist voll. Zu voll. Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen?“

Aus meinen eigenen Schulerfahrungen kann ich dies nur bestätigen. Wenn man die Schule ernst nimmt, gute Noten erreichen will um anschließend das Wunsch-Studium machen zu können, hat man kaum noch Freizeit. Die Schule bestimmt das Leben.

Warum ist unser Bildungssystem so wie es ist?

Doch woher kommt dieses Streben nach immer mehr, immer höher, immer besser, immer weiter? Warum verlangen wir soviel von unseren Kindern, anstatt sie einfach selbst die Welt entdecken zu lassen? Warum ist das Bildungssystem so wie es ist? Gerald Hüther, Hirnforscher und Experte auf dem Gebiet der Potenzialentfaltung, sieht die Angst als Hauptgrund für die starren Strukturen des Bildungssystems an: „Heute haben immer noch Eltern Angst, dass aus ihren Kinder nichts wird und deshalb werden diese Ängste an die Kinder weitergegeben“. Diese Angst stammt aus vorigen Generationen, die Kriege miterlebt haben.

Gerald Hüther
Gerald Hüther
„Damit man z.b. im letzten Jahrhundert diese Kriege überhaupt machen konnte brauchte man junge Leute, die ordentlich funktioniert haben. Man brauchte man so eine Art Abrichtungs- und Dressurschule. Das war nicht nur das Militär, dass solche funktionalisierten und abgerichteten Menschen gebraucht hat, es war eigentlich die ganze Wirtschaft. Das so genannte Maschinenzeitalter ist geprägt von der Tatsache dass die Menschen eigentlich wie Maschinen funktionieren sollen. Und so hat man dann auch Schulen aufgebaut und so hat man in Schulen unterrichtet. Dass hinten welche rauskamen als Absolventen dieser Schulen, die gut funktioniert haben. Ich glaube dass wir endlich (…) erkennen müssen, dass es nicht so gut ist, wenn man Menschen so abrichtet, dass sie immer nur noch das tun, was ihnen gesagt wird“, so Hüther.

Diesen Ansatz bestätigt auch Sir Ken Robinson, Bildungsexperte und Erziehungswissenschaftler aus Liverpool: „Das Problem ist, dass das jetzige Bildungssystem für ein anderes Zeitalter entworfen und strukturiert wurde. Es wurde für die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Industrialisierung gemacht.“

Auswirkungen auf unsere Gesellschaft

Ken Robinson beschreibt auch die Kluft, die zwischen Arbeitern und Intellektuellen entsteht und die Gesellschaft in zwei Klassen teilt: „Das ist tief im Selbstverständnis des staatlichen Bildungssystems verankert: Es gibt zwei Arten von Menschen: Akademiker und Nicht-Akademiker. Kluge und dumme Menschen. Die Folge davon ist, dass viele brilliante Menschen denken sie seien nicht brilliant. Weil sie nach diesem Schema bewertet wurden.“

Ken Robinson
Ken Robinson
Und hier sind wir auch schon bei den Auswirkungen dieses Systems auf unsere Kinder – die unsere zukünftige Gesellschaft formen – angelangt. Es entsteht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die einen Keil zwischen uns treibt. Die Guten und die Schlechten. Die Schlauen und die Dummen. Dies führt dazu, dass viele junge Menschen, die so viele Talente in sich tragen, sich für nicht gut genug halten – weil ihnen das vom System beigebracht wurde. Die meisten kennen ihre einzigartigen Gaben nicht einmal. Erwachsene beurteilen bzw. bewerten die Arbeit der jungen Menschen nach vorgegebenen Kriterien: Das ist richtig, das ist falsch. Was falsch ist, bestimmt ein Regelwerk. Und für falsche Antworten gibt es eine Bestrafung in Form von schlechten Zensuren. Diese Zensuren bestimmen wiederum – angeblich – unsere gesamte Zukunft. Den jungen Menschen wird eingetrichtert, dass sie ohne gute Noten keinen guten Job bekommen werden. Das erhöht den Druck noch zusätzlich und fördert den Konkurrenzkampf – sogar unter Freunden.

Ein Hauptmerkmal des prüfungsorientierten Systems ist, dass unterschiedliche Meinungen nicht gefragt sind. Das einzige Ziel liegt darin, eine Standardantwort zu finden.Yang Dongping

Was all die Bildungsexperten wie Andreas Schleicher (PISA-Studie) oder andere nicht erwähnen, sind die Qualen dieses Systems für die Kinder und Jugendlichen. In China ist Selbstmord die Todesursache Nummer eins bei jungen Menschen, vor allem vor den Prüfungen steigt die Rate extrem an. Auch in Deutschland und vielen anderen Ländern zeichnen sich besorgniserregende Entwicklungen ab. Kinder und Jugendliche werden zunehmend depressiv, aggressiv, flüchten sich in Drogen oder andere Ablenkungen. Manche von ihnen drehen durch und greifen zu Waffengewalt, um diejenigen zu bestrafen, die ihnen soviel Leid angetan haben.

Nicht nur Leistungsdruck und Konkurrenzkampf entstehen durch unser starres Bildungssystem – auch die kindliche Neugier und Genialität wird geradezu abgeschnitten. Bei einer Studie mit 1500 Teilnehmern erreichten 98% der 3-5 Jährigen das Niveau eines Genies im unkonventionellen Denken. Nach fünf Jahren teste man die selben Kinder erneut. Im Alter von 8-10 Jahren war die Zahl der Genies auf 32% gesunken. Weitere fünf Jahre später erreichten von den gleichen Kindern nur noch 10% das Niveau eines Genies im unkonventionellen Denken. Eine weitere Studie untermauert dies. Eine Gruppe von 200.000 Erwachsenen ab 25 Jahren wurde einmalig getestet. Nur von 2% von ihnen waren Genies im unkonventionellen Denken.

Was diese Studie offenbart? Alle Menschen besitzen von Geburt an die Fähigkeit, unangepasst zu denken. Eigene, kreative Lösungen für ein Problem zu entwickeln. Doch im Erwachsenenalter geht diese Fähigkeit verloren. Dafür kann unter anderem die Gleichschaltung in der Schule verantwortlich gemacht werden. „Man möchte wahrscheinlich keine kräftigen Menschen haben, keine Menschen die einen starken Willen haben. Man möchte ja untertänige Menschen, die sich einordnen in ein System. (…) Und anstelle von dem, was das Kind aus sich selbst schaffen kann, übernimmt das Kind was man ihm beibringt und das ist wenig im Verhältnis zu dem, wozu es eigentlich fähig ist.“ bringt Arno Stern es auf den Punkt.

Ein Kind kann das was es möchte und es will nicht anderes als das, was es kann. Das ist das natürliche Gedeihen eines Kindes und das kann nur ein Kind erleben, dem man diese Freiheit gewährt, keinesfalls ein Schüler, der nach einem Programm erzogen wird. Arno Stern

Habt ihr den Film „Alphabet“ schon gesehen? Wie ist eure Meinung darüber?

Veröffentlicht von Julia

Hallo, ich bin Julia! Ich bin 34 Jahre jung, zweifache Mama und seit zehn Monaten mit meiner Familie auf Langzeit-Reise durch Europa - man könnte es auch Selbstfindungstrip nennen. Wir mussten raus aus dem alten Trott und alles mal gut durchmischen. Was brauchen wir noch und was kann weg? Wie wollen wir in Zukunft leben? Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt und jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. → mehr über mich

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