Selbstfindung

Die Sache mit der Midlife Crisis oder: Warum wir uns stetig verändern (sollten)

Die Sache mit der Midlife Crisis oder: Warum wir uns stetig verändern (sollten)

Kann man mit Mitte Dreißig überhaupt von einer Midlife Crisis sprechen? Ich finde ja. Denn der Begriff drückt den Drang nach einer Neuorientierung aus („das Alte passt nicht mehr, aber ich weiß nicht was das Neue sein soll“) und ich bin mir sicher, dass sie bei manchen auch deutlich früher als 40 oder 50 beginnen kann. Wie bei mir zum Beispiel.

Wahrscheinlich gibt es viele verschiedene Auslöser einer solchen Krise. Ich denke, dass das Elternwerden definitiv dazu gehört und die Neupositionierung in der Welt in der verantwortungsvollen neuen Rolle die man ab dann spielt. Aber auch wenn man ein „Suchender“ ist, man sich selbst erkennen und nach den ureigensten Prinzipien handeln will – Stichwort „Selbstbestimmt leben“, kann man in so eine Phase rutschen. Wer bin ich, unter all diesen Schichten von Glaubenssätzen und Erwartungen, die andere an mich herantragen (bzw. in der Vergangenheit trugen) oder die ich glaub(t)e, erfüllen zu müssen? Wer bin ich und wer will ich sein?

Da ich in regelmäßigen Abständen alles hinterfrage gibt es bei mir auch häufig Umwälzungen im Leben, die anderen Menschen oft als sehr wechselhaft, unbeständig, wankelmütig vorkommen. Ich möchte hier ein ganz wunderbares Zitat von Wolf Biermann anbringen: „Wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Vielleicht gibt es viele Menschen, die immer gleich denken – aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Ich nehme täglich neue Informationen auf und passe mein Weltbild an. Es kommen Tag für Tag neue Puzzleteile hinzu. Und manchmal ist eben ein Punkt erreicht, wo das Alte nicht mehr passt.

Wer sich ändert, bleibt sich treu.Wolf Biermann

Bleibt alles anders

So wie jetzt gerade wieder. Ich befinde mich mal wieder in einem Veränderungsprozess. Unser Entschluss, alles in Deutschland zu verkaufen und auf open-end Reise zu gehen, hat vieles ins Rollen gebracht. Es macht unglaublich viel mit uns, so frei zu sein und überall hin zu können. Wir haben nun die Gelegenheit, alles nochmal neu zu ordnen. Auszusortieren. Was bleibt und was kann weg?

Ich habe schon immer den Drang, etwas Sinnvolles zu tun. Anderen zu helfen, sie zu inspirieren, sie „freizusetzen“. Warum? Weil ich selbst seit vielen Jahren auf dieser inneren Reise bin und sie unglaublich spannend und bereichernd ist. Und weil so viele es nicht tun, aber gerne würden und ich denke, dass ich in dieser Hinsicht ganz gut als Vorbild agieren kann. Auch wenn ich selbst nicht perfekt und noch lange nicht angekommen bin. Ja, auch dann! Denn niemand ist perfekt. Wir sind immer auf einer inneren Reise.

Meine bisherige Arbeit empfinde ich jedoch nicht als sinnvoll. Klar, ich erschaffe etwas ästhetisch Schönes. Ich helfe anderen dabei, schöne Dinge für sich und ihre Liebsten selbst zu machen. Aber für mich ist schon sehr lange die Luft raus. Der Funken kommt immer mal wieder zurück, um nach einigen Wochen zu erlöschen. Alles in mir schreit: „Ich will das nicht mehr! Ich muss hier raus!“. Doch es ist nicht so einfach (oder doch?), denn ich bin – auf eigenen Wunsch – momentan die Ernährerin der Familie und ohne meine aktuelle Arbeit können wir nicht leben. Ein großer Batzen Druck, den ich mir da aufgehalst habe.

Dabei weiß ich nicht mal genau, WAS ich denn nun machen will. Ich habe Ideen, Visionen, kleine Puzzleteile – mit denen ich gern arbeiten und sie ausbauen würde. Aber mir fehlen Zeit und Mut, denn das andere Business ist da und möchte weitergeführt werden. Und meine Angst sagt: „Es dauert Jahre, ein neues Business aufzubauen.“ oder „Du hast doch so was Tolles aufgebaut! Warum kannst du das nicht mal genießen?“ Aber wie soll ich etwas genießen, das mich nicht erfüllt?

Ja, die Angst, mein stetiger Begleiter. Und nicht nur Angst, auch der innere Kritiker ist hier mal wieder am Werk. Wenn ich den normalen Trott lebe, nicht aufmucke, einfach funktioniere, sind die beiden still, satt und zufrieden. Aber wehe ich wünsche mir Veränderung! Wehe ich bin unzufrieden und suche nach etwas Neuem. Dann wachen sie auf. Wie hungrige Löwen lauern sie mir auf und schnappen zu, sobald ich ihnen zu nahe komme. So gehen die Wochen und Monate dahin. „Ich würde ja gern, aber ich kann nicht. Da ist eine Blockade.“ Ein ewiger Kreislauf. Ich bin tierisch genervt.

Warum ich das alles schreibe? Erstens habe ich das dringende Bedürfnis, es mir von der Seele zu schreiben. Zweitens habe ich ein paar Strategien entdeckt, die vielleicht auch dem ein oder anderen von euch weiterhelfen könnten. Und da sharing bekanntlich caring ist kommt hier nun mein Senf zum Thema „Veränderungen“.

Jetzt kommt Leben in die Bude. Ich habe einen Plan.

Vor ein paar Tagen habe ich angefangen, meine wirren Gedanken aufzuschreiben. Wo stehe ich gerade und wo will ich hin? Und das tägliche Aufschreiben hat mir total geholfen! Seit dem Beginn meiner Notizen sind gerade mal 10 Tage vergangen und ich habe schon beinahe den Mount Everest bestiegen:

  • Ich habe erforscht, was meine Gaben, einzigartigen Talente sind.
  • Ich habe überlegt, was für Blogs und/oder Businesse ich gern starten würde (einfach mal Gedanken sammeln)
  • Ich habe mich auf die Suche nach meiner wahren Essenz gemacht, meinem Kern, meiner Wahrheit (wird noch ne Weile dauern)
  • Ich habe inspirierende Podcasts angehört (der hier ist so WOW)
  • Ich habe überlegt, ob ich meinem vorhandenen Business Sinn hinzufügen kann und es damit nicht schließen muss
  • Ich habe mich coachen lassen und hatte dadurch einige AHA-Momente
  • Ich habe selbst eine Coaching-Ausbildung angefangen (noch mehr AHA-Momente)
  • Ich habe meine Herzenswünsche formuliert
  • Ich habe nach alternativen Jobs geschaut, um uns über Wasser zu halten
  • Ich habe endlich eingesehen, dass ich tatsächlich hochsensibel bin und lese gerade ein Buch darüber, um die ganze Thematik und ihre Auswirkungen besser zu verstehen
  • Ich habe einige Glaubenssätze bearbeitet

Trotz all dieser „Errungenschaften“ hatte ich heute trotzdem eine Art Nervenzusammenbruch. Ich hatte viele Stunden am Rechner gesessen. Freelance-Jobs gesucht (und keine gefunden), haufenweise geschäftliche Mails geschrieben, eine Nähanleitung angefangen (aus Angst, dass wir sonst verhungern). Am Nachmittag hatte ich das Gefühl, nichts zu erreichen. Mich immer im Kreis zu drehen. Mir fällt nicht ein, WAS DIESE EINE SACHE ist, diese Berufung, diese einzigartige Gabe von der immer alle reden. Ich habe eingesehen, dass ich meine Firma schließen bzw. weitergeben muss. Ich kann es einfach nicht mehr machen, die Arbeit macht mich krank. Ich hatte das Gefühl, dass ich sterben muss, wenn ich weiter in diesem Beruf arbeite (wirklich! es fühlte sich so an).

Das Ritual

Also bin ich aufs Feld gegangen. Das Feld ist meine Rettung, immer wieder. Was ich ohne mein Feld machen soll, wenn wir wieder in einer Stadtwohnung leben, weiß ich noch nicht. Hier in England habe ich das mein Feld vor der Haustür. Schuhe & Jacke an, Tür aufmachen: Schon bin ich da. Schon vor einigen Wochen hat mir das Feld unendlich geholfen. Ich hatte eine schlimme Nachricht aus der Heimat bekommen und war völlig außer Rand und Band. Da habe ich dieses Ritual schonmal gemacht (mehr dazu hier).

Ritual? Ist sie denn verrückt? Was meint sie nur damit? Also ganz ehrlich, Leute. Ich bin auf der Reise zu mir selbst und es hilft mir ungemein, die Dinge beim Namen zu nennen, aufzuschreiben oder noch besser: laut auszusprechen. Alles rauszulassen. Zu weinen, zu schreien. Ich habe auf dem Feld laut mit mir und/oder dem Universum gesprochen. Alles was mich ankotzt ausgesprochen. Um Hilfe gebeten. Immer und immer wieder. Irgendwann wurde ich ruhiger. Außerdem war ich halb erfroren. Also tippte ich einen Plan in mein Handy und ging wieder heimwärts.

Zuhause angekommen war der erste Satz meines Mannes: „Ich hatte da auch noch so eine Idee, was du machen könntest“. Und er schlug mir vor, ob ich den Firmenverkauf nicht doch öffentlich machen will. Um jemanden zu finden, der „mein Baby“ gebührend weiterführen will und für den es die reinste Freude wäre. Ich denke momentan noch darüber nach, denke aber es wird kein Weg dran vorbei führen. Ich glaube, das Ganze öffentlich zu machen hätte auch eine enorme Heilwirkung für mich. Ein Teil in mir sagt mir, dass ich mit meiner Firma „gescheitert“ bin, es nicht geschafft habe, die Sache durchzuziehen. Ich will nicht, dass das jemand merkt. Daher reiße ich mich lieber immer und immer wieder zusammen. Versuche, die positiven Seiten zu sehen. Aber irgendwann reicht das einfach nicht mehr. Irgendwann habe ich mich genug im Kreis gedreht. Ich bin nicht gescheitert, ich habe mich nur verändert. Und ich darf dazu stehen. Ich darf ICH sein. Krass, dass das manchmal so schwierig ist.

Hilfe naht!

Eine kleine Ergänzung, etwa vier Wochen später: Es wird immer besser. Ich habe einen Plan, schon viele Punkte umgesetzt und einen (hoffentlich) inspirierenden Beitrag für euch verfasst:

Berufliche Veränderung: Wie du mit Ängsten und Zweifeln umgehen lernst

Viel Spaß damit!

Veröffentlicht von Julia

Hallo, ich bin Julia! Ich bin 34 Jahre jung, zweifache Mama und seit zehn Monaten mit meiner Familie auf Langzeit-Reise durch Europa - man könnte es auch Selbstfindungstrip nennen. Wir mussten raus aus dem alten Trott und alles mal gut durchmischen. Was brauchen wir noch und was kann weg? Wie wollen wir in Zukunft leben? Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt und jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. → mehr über mich

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