Familie

Das schönste AirBNB aller Zeiten (und das Desaster beginnt)

Das schönste AirBNB aller Zeiten (und das Desaster beginnt)

Wir sind heute von Kiel gestartet und in unserem neuen Quartier für diese Nacht – nahe Oldenburg – eingetrudelt. Ein Haus, so wunderbar, wild und frei, dass man es kaum beschreiben kann. Der Garten wächst wild, das Haus wirkt selbstgebaut und alles hier drin scheint liebevoll selbstgemacht – ein Lebenswerk. Die Böden sind überall mit bunten Mosaiksteinen verziert, in jeder Ecke gibt es kleine Details zu entdecken. Es ist niemand hier. Die Gastgeberin muss spontan eine Nachtschicht einlegen und die Tochter ist noch in der Stadt unterwegs – wir haben also das wunderschöne Haus am Abend für uns.

Ich klappe den Laptop auf, um endlich mal ein bisschen zu arbeiten. Aber ich rufe zuerst Mails ab. Und zuerst Mails abrufen kann einem gehörig die Laune verderben. Eigentlich war ich wegen der Finanzlage für heute schon genug bedient. Genervt, gereizt, fast den ganzen Tag. Die schlechte Nachricht: Unser AirBNB in England sagt für übermorgen spontan ab. Wir haben also die ersten zehn Tage in England keine Bleibe mehr. Super. Nix mit Arbeiten am Laptop, ein Bett für uns alle in England suchen ist angesagt. Ich bin durch mit den Nerven. Eine gute Nachricht gibt es nicht.

Das war natürlich auch nicht die einzige nervige Mail heute. Dazu kam noch eine Nachricht meiner Buchhalterin. Die Firma, die wir vor unsere Abmeldung aus DE im Ausland gegründet haben hält absolut nicht das, was uns der Herr Berater versprochen hat. Ich kann mir laut der neusten Information der Buchhalterin monatlich kein Gehalt auszahlen, sondern nur 1x jährlich! Als Alleinverdienerin unserer Familie! Macht keinen Sinn, kotzt mich an, nervt. Wir wir das noch handhaben werden, weiß ich nicht. „Wären wir mal lieber in Deutschland geblieben“ habe ich in den letzten Tagen sehr oft gedacht. Wir werden schn ganz schön aus unserer Komfortzone geschupst, rein ins Risiko, ins Unwägbare, ins Beschissene. So, Julia – jetzt mach da mal was draus! Du wolltest es ja so. Hier ist dein Abenteuer!

So langsam zweifle ich an allem. Mit so vielen Hürden hätte ich nicht gerechnet. Auf all den Reiseblogs sieht doch immer alles so shiny aus? Was machen wir falsch?

Wir haben zu wenig vorgesorgt, finanziell. Mehr vorher ansparen sollen. Wir hätten jeden Monat auf unserer Reise genau aufschreiben sollen, wieviel wir tatsächlich ausgeben. Und wir hätten dem Herrn Berater nicht blind vertrauen sollen. Sein Ratschlag hat uns monatelangen Stress und einen Haufen sinnloser Kosten beschert. Und eine Firma, die ich nun zwar rechtsgültig benutzen kann, aber aus der ich kein Geld abzapfen darf bringt mir nicht viel.

Ich bin grad ein bisschen durch den Garten gelaufen und dachte mir: OK, wie kann ich da jetzt was Gutes, Sinnvolles draus machen? Ich kann diese Geschichte aufschreiben. Vielleicht ein Reisebuch daraus machen. Das wäre ja schonmal was. Und wir müssen uns einen Plan machen wie es weitergehen soll. Unsere große Tochter will wieder sesshaft werden. Sie spricht fast jeden Tag davon. Sie will ein eigenes Zimmer, ihre Freunde, ihre Oma, ihre Patentante. Für den Kleinen wäre es sicher auch schöner, wenn er nicht andauernd umziehen müsste sondern seinen festen Platz hat. Und für uns Erwachsene? Klar macht das Reisen Spaß. Aber eine Basis zu haben, von der aus man immer wieder auf Reisen startet – das wäre doch auch schön. Eine Basis, an die man immer zurück kann. Wo Freunde wohnen und die Familie nicht allzu weit ist. Wo die Kinder feste Freundschaften schließen können und sich nicht dauernd von liebgewonnenen Freunden verabschieden müssen.

Doch wohin sollen wir? Wenn in Deutschland, dann müsste es eine Stadt mit demokratischer Schule sein, an die wir auch angenommen werden müssten. Wenn nicht Deutschland: Wo finden wir andere Deutsche mit ähnlichen Ansichten? Aber ich schweife ab. Es gibt Wichtigeres zu klären.

Wir brauchen eine neue Unterkunft in England, schon in zwei Tagen. Nach ewigen Nachforschungen im Internet finden wir ein kleines Cottage. Schweineteuer, aber besser als nix. Wir versuchen, es über meine Kreditkarte zu buchen. Sie ist nicht freigeschaltet für „verified by visa“ und somit kann ich damit nicht bezahlen. Wir versuchen es über Philips Karte. Die ist überzogen, aber wir haben keine andere Möglichkeit. Ich versuche, Geld auf Philips Konto zu buchen, damit es im Plus ist. Aber hier auf dem Land klappen die Tan-SMS nicht und ich kann keine Überweisung tätigen. Wir hoffen, dass die Buchung trotzdem geklappt hat. Doch es kommt keine Rückmeldung. Nicht am Abend, nicht am nächsten Morgen.

Ich kann nicht schlafen, zuviele Gedanken wirbeln in meinem Kopf. Kurz vorm Aufstehen schlafe ich ein. Beim Frühstück treffen wir Anja, die Gastgeberin. Sie ist superlieb und hat uns sogar Brötchen mitgebracht. Wir plaudern noch ein bisschen und packen dann unsere sieben Sachen, um zur Fähre nach Amsterdam zu fahren.

Es war ein harter Tag, eine lange Fahrt, mieses Wetter – alle sind mit den Nerven durch. Wir haben immernoch keine Rückmeldung von unserem Cottage oder AirBNB wegen der Rückerstattung erhalten.

Während wir auf den Einlass der Fähre warten rufe ich beim AirBNB Kundenservice an. Kurz vor knapp – denn der freundliche Mitarbeiter sagt mir, dass in einer Stunde die Stornierungsfrist abläuft. Er storniert für mich die Buchung und verspricht, dass wir das Geld in sieben Tagen wiederbekommen. Na wenigstens etwas. Dann rufe ich noch den Kundenservice der Buchungsseite unseres Cottage an. Eine Dame meldet sich mit schneller, lauter Stimme. Ich habe keine Ahnung ob das jetzt Englisch sein soll, oder andere Sprache. Ich bitte sie auf Englisch, langsamer zu sprechen. Ah, jetzt verstehe ich was sie sagt. Die Dame ist sehr freundlich und bietet an, den Hausvermieter anzurufen und nachzufragen, ob die Buchung geklappt hat. Sie will sich dann wieder bei uns melden. Es passiert nichts.

Mittlerweile sitze ich im Kinderbespaßungsraum unserer riesigen Fähre von Amsterdam nach Newcastle upon Tyne. Es läuft „Die Eiskönigin“ auf Englisch. Nele spielt. Mir ist schlecht. Das Schiff schaukelt und wankt ununterbrochen. Ich bin froh dass ich sitze. Es ist 19 Uhr abends und wir haben für unsere morgige Ankunft in England noch keinerlei Übernachtungsmöglichkeit. Das Internet funktioniert nicht, ich kann also nicht schauen ob wir nun eine Absage oder Zusage für das Cottage bekommen haben. Ich flehe das Universum an, gnädig zu sein. Die anderen spielenden Kinder hier, ein Geschwisterpaar, heißen Mattis und Lovis – genau wie die Eltern von Ronja Räubertochter. Das freut mich ein bisschen.

Veröffentlicht von Julia

Hallo, ich bin Julia! Ich bin 34 Jahre jung, zweifache Mama und seit zehn Monaten mit meiner Familie auf Langzeit-Reise durch Europa - man könnte es auch Selbstfindungstrip nennen. Wir mussten raus aus dem alten Trott und alles mal gut durchmischen. Was brauchen wir noch und was kann weg? Wie wollen wir in Zukunft leben? Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt und jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. → mehr über mich

Ein Gedanke zu „Das schönste AirBNB aller Zeiten (und das Desaster beginnt)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.