Freies Lernen

Zeit ist kostbar: Wieviel Zeit in der Schule verbringen wir wirklich mit lernen?

Zeit ist kostbar: Wieviel Zeit in der Schule verbringen wir wirklich mit lernen?

Über diesen Beitrag bin ich auf dem Blog einer (ehemaligen) Lehrerin aus England gestoßen, die über ihre Erfahrungen mit dem Schulsystem schreibt. Mir geht es hier nicht darum, ob Schule „gut“ oder „schlecht“ ist – es geht einzig und allein um die Lernerfahrungen der Kinder.

Dieser Artikel erschien im Original unter dem Titel „Time is precious“ auf monkeymum.blog. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Ich habe auf die ein oder andere Art insgesamt 30 meiner 35 Lebensjahre im Bildungssystem verbracht: Erst als Schülerin, dann als Studentin und später als Lehrerin. Seitdem wir entschieden haben, unsere Kinder zuhause zu unterrichten, denke ich über den typischen Schultag nach. Und wie viele der Stunden, die ein Kind in der Schule verbringt, wirklich „gelernt“ wird.

** In diesem Artikel meine ich mit „Lernen“ das formale Lernen nach Lehrplan. Die Art des Lernens, das zuhause unterrichtete Kinder bei Behörden manchmal nachweisen sollen. Mir ist völlig klar, dass alle anderen Arten des Lernens über den Tag verteilt geschehen, z.B. während des Spielens, bei Versammlungen etc. – aber für den Zweck dieses Artikels (der geschrieben wurde, um Zuhause unterrichtenden Eltern zu versichern, dass sie ihr Kind zuhause nicht an den Tisch setzen und für x Stunden pro Tag lernen lassen müssen) ziehe ich diese Zeit ab, weil sie nicht als „Lernen nach Lehrplan“ oder „formelles Lernen“ gilt. Natürlich gibt es diese Zeiten auch beim Lernen zuhause. Ich will nicht leugnen, dass lernen überall geschieht. Aber Eltern, die zuhause unterrichten, wird beunruhigenderweise manchmal von den Behörden gesagt, sie müssten jeden Tag 4-5 Stunden nach Lehrplan lernen. Meine Intention ist aufzuzeigen, dass das unrealistisch und nicht notwendig ist. **

Also, hier kommt meine Sichtweise.

Als erstes würde ich gern klarstellen, dass meine Berechnungen auf meinen eigenen Erfahrungen in britischen Grundschulen basieren, in denen ich unterrichtet habe. Die Länge des Schultags, die Stundenpläne, die Effizienz (oder das Fehlen ebensolcher) während und zwischen der Unterrichtsstunden basiert einzig und allein auf meinen eigenen Erfahrungen als Lehrerin. Die Schulen, in denen ich tätig war, waren ganz normale Durchschnittsschulen (vom britischen Schulamt Ofsted als „Gut“ bewertet) – also gehe ich davon aus, dass die Werte an anderen Schulen nicht sehr weit davon abweichen.

Als zweites möchte ich klarstellen, dass ich nicht gegen Schule an sich bin und denke, dass viele Lehrer und Lehrerinnen einen großartigen Job unter sehr schwierigen Bedingungen machen. Es ist nicht so, dass viel Zeit in der Schule verschwendet wird, sondern dass viel Zeit in der Schule mit Routinen und Abläufen verbracht wird, die notwendig sind wenn sich 400 Schüler in einem Gebäude aufhalten und du jedem von ihnen einen effizienten, differenzierten Lehrplan anbieten musst. Diese Routinen und Abläufe sind beim „Zuhause-Lernen“ einfach nicht nötig. Viele meiner abgezogenen Zeiten weiter unten entstehen durch die Extrazeit, die für die Bildung einer großen Masse an Schülern anfällt. Es ist nicht die Schuld der Lehrer oder der Schulen – es liegt einfach in der Natur des Bildungssystems.

Also… wie viel Zeit verbringen die Kinder wirklich mit lernen?

Jeder Schultag dauert von 9:00 bis 15:15. Das sind 6 Stunden und 15 Minuten. Aber nicht alles davon ist Lernzeit.

  • Abzüglich 15 Minuten für die Morgenpause und 1 Stunde für die Mittagspause.
  • Abzüglich 10 Minuten für die Anwesenheitsliste morgens und nachmittags* und 10 Minuten für das Packen, Jacke anziehen und Elternmitteilungen austeilen** am Ende des Tages.
    * In Großbritannien wird zweimal täglich die Anwesenheit geprüft. Die Eltern werden informiert, sobald das Kind weniger als 96% der Zeit anwesend ist. Wer hierzu einen aktuellen Prozentwert hat, kann mir gern schreiben.
    ** Elternmitteilungen werden am Nachmittag den Kindern ausgehändigt. Das können alle Arten von Informationen bestimmte Schul-Abläufe betreffend sein.
  • Abzüglich 20 Minuten für die Schulversammlung*, die entweder existiert um eine Religion auszuüben oder Konformität zu verstärken mit Geschichten rund ums Befolgen der Schulregeln (oder „Werte“ oder ähnliches) oder um zu feiern, dass sie Punkte oder Urkunden** in gutem Benehmen und dem Befolgen von Regeln verdient haben. Dies alles wäre beim Unterricht zuhause nicht notwendig.
    * In Großbritannien gibt es in der Regel jeden Morgen eine Schulversammlung. Die Schulbehörde schreibt eine tägliche gemeinsame Andacht vor.
    ** Was wir in Deutschland nur aus den Harry Potter Büchern kennen wird an britischen Schulen praktiziert. Man kann Punkte für sein Haus holen und damit Abzeichnen gewinnen, die bei den Schulversammlungen feierlich übergeben werden. Es gibt an jeder Schule ein System von Belohnungen für gutes Benehmen, gute Leistungen oder beides. Die Kinder bekommen Punkte, Urkunden oder Abzeichen wenn sie eine bestimmte Anzahl Punkte erreicht haben, zum Beispiel 20 Punkte = bronze, 50 Punkte = Silber, 100 Punkte = Gold. An jeder Schule ist das System etwas anders. Die Urkunden werden in den Schulversammlungen vor allen Schülern ausgegeben und haben meist mit gutem Benehmen, dem Befolgen von Regeln oder guten Leistungen zu tun – es ist eine Belohnung für Gehorsam und Konformität.
  • Abzüglich 5 Minuten für jede der 4 Haupt-Unterrichtsstunden, weil das Akklimatisieren nach dem energiegeladenem Spiel in den Pausen einfach Zeit benötigt. Kinder sind keine Roboter, die sofort von lautem, körperlichen Ausdruck und Spiel zur Konzentration aufs Lernen umschalten können, nur weil eine Glocke oder Pfeife ertönt.
  • Abzüglich 5 Minuten am Ende jeder dieser Stunden für Aufräumen, Bücher einsammeln, Entscheiden wer in welchem Team beim Fußball spielen soll und dem Geradesitzen mit gefalteten Armen und angewinkelten Beinen, den Lehrer anschauend und darauf wartend, dass man gehen darf.
  • Abzüglich 10 Minuten von jeder dieser 4 Haupt-Unterrichtsstunden für die Zeit, die das Gehirn mal eine Pause macht (wahrscheinlich vor Langeweile), weil sogar wir Erwachsenen kaum eine Stunde lang voll fokussiert auf eine Aufgabe arbeiten können. Außer wenn es um eine unserer großen Leidenschaften geht, da nehmen wir uns hier und da kleine Pausen um etwas zu trinken zu holen, uns zu dehnen oder herumzugehen, zur Toilette zu gehen, einen Freund zu fragen wie es ihm geht oder nur um unsere Gedanken einige Minuten schweifen zu lassen bevor es wieder an die Arbeit geht. Kinder machen das auch und es ist absolut normal bis zu dem Zeitpunkt, wo es ihnen in der Klassenraum-Umgebung verboten wird.
  • Abzüglich 5 Minuten für jede dieser Unterrichtsstunden, die der Lehrer oder die Lehrerin für Schüler aufwenden muss, die sich nicht benehmen, bevor er / sie mit dem Unterricht weitermachen kann. Sowie für die Zeit, während der Lehrer auf die Antwort einer seiner Fragen wartet (die er eigentlich schon weiß). Auch wenn du dich zuerst gemeldet hast muss der Lehrer bis Zehn zählen und nimmt dann meist jemand anderen dran, weil er alle Schüler mit einbeziehen muss.
  • Abzüglich 5 Minuten (mindestens) für den Gänsemarsch in Zweierreihen von einem Klassenraum zum anderen (oder zur Aula oder zum Spielplatz).

Bis jetzt haben wir 3 Stunden und 50 Minuten vom Schultag abgezogen.

Unsere 6 Stunden und 15 Minuten betragen jetzt nur noch 2 Stunden und 25 Minuten. Und das an einem guten Tag.

Dies entspricht 12 Stunden und 5 Minuten pro Woche.

Aber in einer normalen Schulwoche gibt es ganze Abschnitte im Stundenplan die sinnlos sind und in keinem Zusammenhang mit dem Lernen stehen oder nicht mitgezählt werden können weil sie beim Unterricht zuhause nicht angewendet werden.

  • Wie zum Beispiel die Stunde, die für das Üben von Hymnen* draufgeht – siehe meine Anmerkungen zu den Versammlungen weiter oben.
    * Hymnen gibt es meist an kirchlichen Schulen. Nicht alle Schulen singen / üben sie. Nicht-kirchliche Schulen nutzen meist weltliche Lieder, die die Vorschrift der täglichen gemeinsamen Andacht erfüllen.
  • Während jeder der zwei Sportstunden pro Woche gehen 20 Minuten (10 am Anfang, 10 am Ende) drauf fürs Zusammensammeln der Ausrüstung, Umziehen und auf den Trainer warten während er sich die Schnürsenkel zubindet.
  • Abzüglich 5 weiterer Minuten für jede dieser Stunden für den Weg zur Umkleidekabine und zurück sowie zum Sportplatz (je nachdem welcher in dieser Stunde benutzt wird).
  • Abzüglich der halben Stunde für PSHE („Personal, Social and Health Education“)*, weil man das beim Unterricht zuhause einfach lebt. Man setzt sich nicht hin und lernt es in einer 30-minütigen Unterrichtsstunde, es ist einfach Teil deines täglichen Lebens und zieht sich durch alles was du tust.
  • * Im Fach „Personal, Social and Health Education“ geht es z.b. um Gesundheitsthemen, Aufklärung, Beziehungen, Staatsbürgerschaft, Geld usw.

  • Abzüglich 20 Minuten „Goldene Zeit“* – die Belohnung für den Gehorsam unter der Woche und die nötige Motivation, mit denen Kinder gefüttert werden, um das klassenraumbasierte Lernen weiterhin zu ermöglichen.
  • * „Goldene Zeit“ sind 20 Minuten (oder mehr) Freispielzeit am Freitag Nachmittag, die die ganze Klasse sich verdienen muss (sic!). Jede Klasse hat ihre eigene Methode, um herauszubekommen, ob sie in dieser Woche „Goldene Zeit“ verdient haben und wie viel. In dieser Freispielzeit können dann Brettspiele gespielt werden, Bilder ausgemalt oder sich einfach unterhalten werden.

Diese summieren sich zu 2 Stunden und 40 Minuten, die ich von der Wochensumme abziehe. Von einer Woche, die mit 31 Stunden und 15 Minuten startete sind wir jetzt bei 9 Stunden und 25 Minuten.

Aufgeteilt auf die 5 Wochentage macht das 1 Stunde und 53 Minuten am Tag.

In einem Schuljahr gibt es 190 Tage (Ich habe die Feiertage und Lehrerfortbildungen schon abgezogen).
Abzüglich 1 Bank-Feiertag und 4 Krankheitstagen (grobe Schätzung) oder gelegentliche heimliche Feiertage, weil einen Tag vor Ferienstart der Flug 300 GBP billiger war.

Damit wären wir bei 185 Tagen.

Das macht 348 Stunden und 25 Minuten sinnvolles Lernen pro Jahr. Bis jetzt. Nur ein paar „tote“ Stunden müssen wir übers Jahr gesehen noch abziehen.

  • Abzüglich 2 Stunden als Zuschauer der Weihnachts-Theaterstücke und 2 Stunden die Abschluss-Theaterstücke anderer Klassen. Es kann Spaß machen, sich das anzuschauen und ich sage nicht, dass sie es nicht tun sollen. Aber ich ziehe diese Stunden ab, weil sie nichts mit „Lernen“ zu tun haben).
  • Abzüglich einer halben Stunde Schlangestehen beim Schulfotografen.
  • Abzüglich einer Stunde für die Weihnachtsandacht, sowie die Osterandacht. Ok, vielleicht ist deine Familie religiös aber wenn das so ist, würdest du diese Dinge sowieso zuhause machen, oder?
  • Abzüglich zwei Stunden für die Prüfungen in Mathe und Lesen nach dem ersten Schuljahr, die keinen Zweck fürs Lernen haben, außer ein Bewertungskriterium zu bekommen, anhand dessen die Schule den „Fortschritt eines Kindes messen“ kann. Obwohl dort nicht wirklich ein Fortschritt gemessen wird, sondern die Fähigkeit, Fragen so zu beantworten, dass eine bestimmte Note dabei herauskommt.
  • Dies wiederholt sich bei den Prüfungen in Klasse 2,3,4,5 und 6 (außer dass in Klasse 6 die Zeit nochmal verdoppelt wird).
  • Abzüglich 2 Stunden am Nachmittag für die Weihnachtsfeier und weitere 2 Stunden für das Ansehen eines Weihnachtsfilms.
  • Abzüglich des gesamten letzten Tages des Schuljahrs, der mit Ausmalen, Spielen oder DVD schauen verbracht wird.
  • Abzüglich 2 Stunden im Bus oder Zug oder zu Fuß während eines Ausflugs – außer wenn du die Spiele, die während des Ausflugs gespielt werden, mitzählen willst.
  • Abzüglich einer halben Stunde pro Schuljahr für überzogene Klassenversammlungen oder „Leistungs“-versammlungen – bitte keine weiteren Versammlungen.
  • Abzüglich einer halben Stunde für die Jahresabschlussversammlung, bei der viele Lehrer verabschiedet werden – die nur eine halbe Stunde dauern kann, aber einem in der Nachmittagshitze im Juli in einer Aula mit schwitzenden Kindern und Lehrern viel länger vorkommt.
  • Abzüglich einer halben Stunde für all die Zeiten übers Jahr verteilt, in denen der Schulleiter in die Klasse kommen muss um ein ernstes Gespräch zu führen. Über bestimmte Dinge die vorgefallen sind und die so ernst sind, dass alles Lernen sofort stoppen muss während er die ganze Klasse an die Schulregeln erinnert, obwohl jeder weiß welche 1-2 Leute involviert waren. Warum wird in solchen Fällen immer die ganze Klasse beschuldigt?

Das alles reduziert die Anzahl der effektiven Lernstunden im Jahr auf 315 Stunden und 55 Minuten.

Auf das gesamte Schuljahr gesehen sind das mittlerweile nur noch 100 Minuten pro Schultag.

Das ist, was Schulen als Vollzeit- und effiziente Bildung ansehen, wie sie vom Gesetz vorgesehen ist.
Wenn du zuhause unterrichtest und jeden der 365 Tage im Jahr in deiner Lernumgebung verbringst, wären das 51 Minuten am Tag.

Nur 51 Minuten lernen pro Tag würden der gleichen Zeit entsprechen, die ein Kind lernend in der Schule verbringt.

Wie ich vorhin gesagt habt bin ich nicht gegen die Schule per se. 51 Minuten aktives Lernen am Tag klingen super für mich. Aber was ist mit all den anderen Stunden, die unsere Kinder in der Schule verbringen?
Unsere Familienzeit ist zu kostbar dafür.

Dieser Artikel erschien im Original unter dem Titel „Time is precious“ auf monkeymum.blog. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Veröffentlicht von Julia

Hallo, ich bin Julia! Ich bin seit neun Monaten mit meiner Familie auf Langzeit-Reise durch Europa - man könnte es auch Selbstfindungstrip nennen. Wir mussten raus aus dem alten Trott und alles mal gut durchmischen. Was brauchen wir noch und was kann weg? Wie wollen wir in Zukunft leben? Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt und jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. Auf unserer äußeren und inneren Reise möchte ich dich gern in diesem Blog mitnehmen » mehr über mich

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